24. Februar 2012

Arbeiten für mehr Sicherheit

Protest in Puerto Aisen
Überschwemmung in Acre











Ausnahmezustand in Suedchile und in Nordbrasilien, 22. Februar 2012 - Nach einigen Jahren beruflichen Auslandsaufenthalts bin ich in den vertrauten deutschen Alltag zurueckgekehrt. Im selben Augenblick erleben aber die Menschen an meinen beiden Standorten in Suedchile und in Nordbrasilien, aus unterschiedlichen Gruenden, kritische Situationen.

In der Region Aisen in Suedchile kaempfen zur Zeit Menschen auf den Strassen um ihre Grundversorgung gegen die Polizei, die aus der fast 1500 km entfernten Hauptstadt Santiago Verstaerkung bekommen hat. Wichtige Produkte, wie Lebensmittel, Kraftstoff, Gas zum Kochen und Heizen, werden im lokalen Schiffshafen im Fjord von Puerto Chacabuco zurueckgehalten. Auch in der Hauptstadt Coyhaique im Inneren der Region gibt es gewaltsame Konfrontationen, die auf den Strassen zu Verletzten gefuehrt haben. Das alles vor dem Hintegrund des langjaehrigen Widerstandes gegen grosse Wasserkraftprojekte, die der lokalen Bevoelkerung dieses Teils der patagonischen Naturlandschaft nicht geheuer sind (Aktuelles in: http://www.radiosantamaria.cl).

In Acre, im amazonischen Teil Brasiliens, ist jetzt Regenzeit. Die Fluesse sind dieses Jahr hoeher angestiegen als in den letzten Jahren. Die Ueberflutungen erreichten besiedelte Orte im Grenzgebiet zwischen Brasilien, Bolivien und Peru und zwangen bereits mehr als 6000 Menschen, ihr Haus zu verlassen und Unterkunft in Schulturnhallen zu suchen. San Pedro de Bolpebra auf der bolivianischen Seite ist inden vergangenen Tagen von der Landkarte verschwunden. Unter den Obdachlosen sind auch einige Hundert haitianische Fluechtlinge, die bei dem Erdbeben im Januar 2010 ihr Heim verloren haben und nun ihr Glueck im aufstrebenden Brasilien suchen. Einheiten des Zivilschutzes helfen vor Ort, aber die Kommunikationssysteme sind unterbrochen. Wettereprognosen gelangen nur auf Umwegen zu den Menschen. Das Hochwasser laesst keine Zeit zum Nachdenken ueber die Ursachen der Katastrophe. Doch im Grund ahnen alle Betroffenen, dass eine Kombination von Folgen lokaler Abholzung und globaler Klimaveraenderungen im Spiel sind (weitere Information in: http://www.agencia.ac.gov.br/).

Regionale Entwicklung braucht in derartigen Extremsituationen strategische Planungsinstrumente und Routinemechanismen, die den Schaden begrenzen helfen. Effiziente Buergerbeteiligung und Konfliktmanagement sind genauso Bestandteil einer demokratischen Regionalentwicklung, wie das Beispiel von Suedchile verdeutlicht, wie verstaerkte Risiko- und Katastrophenvorsorge im Kontext globaler Veraenderungen, mit Blick auf die Zustaende in Teilen Amazoniens in Nordbrasilien und einigen Nachbarlaendern.

18. März 2011

Wie kann Raumplanung zur Foerderung der Demokratie beitragen?

Ein Blick in die Vergangenheit
Die Geschichte des brasilianischen Bundesstaates Acre, im suedwestlichen Teil Amazoniens, ist verknuepft mit Konflikten um Landrecht und Erhalt des Regenwaldes. Die Ermordungen der Gewerkschaftsfuehrer Wilson Pinheiro und Chico Mendes durch unersaettliche Rinderbarone, in den Jahren 1980 und 1988, in den Gemeinden Brasiléia und Xapuri, markieren eine historische Wende. Die acreanische Bevoelkerung wird durch den Verlust der Idole tausender von Kautschukzapfern und Kleinbauern wachgeruettelt aus der Apathie gegenueber der skrupellosen Vernichtung des Regenwaldes fuer Weideland.

An der Schwelle ins 21. Jahrhundert formuliert die acreanische Regionalregierung mit breiter Unterstuetzung ein neues entwicklungspolitisches Modell. Es wird klangvoll „Florestania“ genannt, ein brasilianisches Kunstwort, zusammengesetzt aus „Floresta“ (Regenwald) und „Cidadania“ (Buergerschaft, Bürgerrechte). Das Entwicklungsmodell versucht, die nachhaltige Nutzung der Regenwaldressourcen mit einer harmonischen Anpassung der aus Brasiliens Nordosten und Sueden eingewanderten Bevoelkerung an die Lebensbedingungen im amazonischen Regenwald zu verbinden. Im Jahr 1990 wurde das Naturreservat Chico Mendes fuer Extraktivismus eingerichtet (für Sammeltaetigkeit in einem Tropenwaldgebiet von fast 1 Mio. Há verteilt ueber 7 Gemeinden der Region). Erst im Jahr 2010 wird zum 30jaehrigen Todestag von Wilson Pinheiro der Naturpark mit seinem Namen eingeweiht (fuer Forschung und Erholung auf 60 ha Restwald in Epitaciolândia). Partizipative Raumplanung und auf demokratische Strukturen gestuetzte Landnutzung kennzeichnen den neuen Weg Acres.

Die Gruendung des kommunalen Verbandes CONDIAC in fuenf Gemeinden entlang der acreanischen Grenze zu Bolivien und Peru, am 5. Mai 2004, ist ein Schritt der autonomen Ortsverwaltungen zum gemeinsamen Angehen aehnlicher Herausforderungen. Die Gemeinden sind durch Merkmale verbunden, wie das dichte Fliessgewaessernetz des Einzugsgebietes des Rio Acre und die asphaltierte Bundesstrasse BR 317 („Estrada do Pacifico“), die seit 2008 auch in Peru weitergebaut wird. Zugleich gibt es aber auch konflikttraechtige Herausforderungen, wie der unterschiedliche Erhaltungsgrad des Regenwaldbestandes und die gegenlaeufigen Interessen der aus verschiedenen Regionen Brasiliens eingewanderten Bevoelkerung: Kautschukzapfer, Paranusssammler, Kleinbauern, Viehhaendler, Grossgrundbesitzer.

Der Weg zur partizipativen Raumplanung
Der Grossteil der Bevoelkerung strebt nach mehr Wohlstand und nach Reduzierung von oekonomischen und sozialen Verlusten. Das ist in Acre nicht anders als anderswo. Viele acreanische Buerger nutzen daher die Gelegenheiten zur Mitwirkung bei der Erarbeitung und Umsetzung geeigneter Planungsinstrumente, die ihnen den Zugang zu ausgewogenen Entwicklungschancen ermoeglichen. Mitzuentscheiden, was wo getan wird, bindet die Buerger in den Entwicklungsprozess ein („ownership“), bereichert das raumspezifische Wissen und vergroessert die Erfolgchancen von strategischen Projekten.

Die partizipative Planung der Ordnung und Nutzung des Raumes (Naturraum und Kulturraum) vollzieht sich in Acre als gemeinschaftlicher Prozess der Charakterisierung und der Zweckbestimmung des Raumes, unter Wahrung der Gemeininteressen vor den Individualinteressen. Die Ergebnisse werden in einem sozialen Pakt festgeschrieben. Es laesst sich sagen, dass die partizipative Raumplanung zur Demokratiefoerderung beitragen kann.

Grundlage fuer das Gelingen der partizipativen Raumplanung sind das Wissen ueber die Funktionen und Grenzen der Planungsinstrumente, die Kenntnis der sozialen Funktionen des Raumes (oeffentliche Einrichtungen, Infrastruktur, Grundstuecks- und Gemeindegrenzen) und die Kenntnis der oekologischen Funktionen (Klima, Luft, Gewaesser, Boden, Biodiversitaet, Naturattraktionen, Risikozonen, Landschaft) fuer die Nutzung (tatsaechlich und potenziell).

Fuer die Umsetzung der Raumplanung ist ausser dem sozialen Pakt die Einbettung in einen Rechtsrahmen unerlaesslich. Die Zonenregelung der Raumnutzung hat feste und flexible Komponenten. Einerseits gibt es zum Beispiel Militaerzonen, Indianergebiete und permanente Schutzgebiete, deren Nutzung gesetzlich festgeschrieben ist. Andererseits gibt es auch Zonen mit ueberwiegend forstwirtschaftlicher Nutzung und Zonen mit ueberwiegend land- und weidewirtschaftlicher Nutzung, in welchen jeweils andere Nutzungsformen zugelassen sind.

Die Nutzung und raeumliche Gestaltung der Erdoberflaeche unterliegt den Rechtsvorschriften der Landesplanung, der Landnutzung, der Liegenschaften, des Naturschutzes, des Gewaesserschutzes, des Fischereiwesens und vielen anderen. Fuer Ueberschneidungen zwischen verschiedenen Interessen, zum Beispiel an der Nutzung der Oberflaeche und des Untergrundes, gelten besondere Regelungen, wie Konzessionen oder Bergrechte.

Die Umsetzung der Raumplanung und die nachhaltige Landnutzung haengen in Brasilien stark vom Rechtsbewusstsein und von der Disziplin der Buerger ab. Denn die staatlichen Kontrollmechanismen in Acre (einer Region so gross wie halb Deutschland) und einem Land wie Brasilien (mit den Dimensionen Europas) sind in ihrer Wirkung eingeschraenkt (Beispiel: ungenuegende Kontrolle der Waldbraende). Zentraler Aspekt ist die Regelung der Grundbesitzverhaeltnisse.

2. Planen oder nicht planen? 
Das ist hier keine Frage. Der brasilianische Architekt und Mitgestalter der futuristischen Hauptstadt Brasilia, Lucio Costa, sagte einmal: „Das einzig sichere an der Planung ist, dass nichts so wird, wie es geplant war“. Man kann dem Meister schmunzelnd zustimmen, dass in der realen Welt (vielleicht im besonderen Mass im realen Brasilien) immer wieder neue Ueberraschungen die Kreativitaet zum Entgleisen bringen koennen. Man kann aber auch schmunzelnd anmerken, dass die Planung gruendlicher ausgearbeitet werden kann (wie das vielleicht in Deutschland haeufig geschieht).

Planung, wie sie fuer die Zusammenarbeit zwischen DED (Deutscher Entwicklungsdienst) und CONDIAC (Consorcio de Desenvolvimento Intermunicipal do Alto Acre e Capixaba - regionaler Kommunalverband) vereinbart wurde, kann man sich wie eine Endlos-Spirale vorstellen, in der sich die aufeinanderfolgenden Phasen Planung-Monitoring-Evaluierung-Systematisierung Runde um Runde wiederholen und erneuern. Was wirkungsorientiert geplant wird, wird auch kontinuierlich kontrolliert und erforderlichenfalls an neue Bedingungen angepasst. Wenn die Bewertung der Umsetzung positiv ausfaellt, lohnt es sich, gute Praxiserfahrungen zu systematisieren und auf andere Herausforderungen zu uebertragen. Uebertragbare und regelmaessig angewandte „Gute Praxis“-Erfahrungen eignen sich als Bausteine fuer oeffentliche Politik oder Normverfahren.

In der Runde seiner fuenf Buergermeister gestaltet CONDIAC die Jahresplanung, mit den thematischen Schwerpunkten auf der laendliche Produktion und der Raum- und Umweltplanung. Die Routinearbeit wird mit den Buergermeistern moeglichst monatlich abgestimmt. Im internen Team wird der Fortschritt der geplanten und durchgefuehrten Aktionen woechentlich oder nach Bedarf abgeglichen.

Der Raumplanungsprozess verlaeuft in Acre nach dem Prinzip der Gleichzeitigkeit der Phasen „Artikulation – Diagnose – Prognose – Umsetzung“. In allen Phasen ist die Partizipation der Buerger sichergestellt. Zu Beginn stehen die Artikulation und Mobilisierung der Akteure und Institutionen im Mittelpunkt, waehrend gleichzeitig bereits ein Blick auf die anderen Phasen geworfen wird. Waehrend die zweite Phase der Diagnose und Datenerhebung anlaeuft, hoert die Artikulation nicht auf, was dem Prozess mehr Sicherheit verleiht. Sind dann ausreichend Daten vorhanden, kann das Hauptaugenmerk bereits auf die Prognose gerichtet werden. Gleichzeitig laufen aber auch schon in der Vergangenheit geplante Umsetzungsprojekte (der Prozess fing ja nicht bei Null an).

3. Die Integration von Raumplanungsinstrumenten
Wozu sind Planungsinstrumente gut?

Die Entscheidungen ueber Raumnutzung und ueber Investitionen sollten auf der Grundlage der Kenntnis der raeumlichen Gegebenheiten aufbauen, um unangenehmen Ueberraschungen vorzubauen. Die Planungsinstrumente sollen also diese Kenntnis schnell und klar uebermitteln. Besonders dringend in Amazonien, sollen sie die Koexistenz zwischen der Entwicklung und dem Erhalt der natuerlichen Umweltfunktionen foerdern. Die Planungsinstrumente sollen Nutzungsein-schraenkungen definieren, wo das im Sinne der Risikovorsorge, der Kontrolle und der Anpassung der Bevoelkerung an den Wandel erforderlich ist (Risikokarte, Zonierung).

Die Raumplanung dient der Orientierung des Aufbaus von Wertschoepfungs-Ketten auf der Grundlage der vorhandenen menschlichen Kapazitaeten und der Disponibilitaet der Naturressourcen.

Die Instrumente sollten zur Integration zwischen den Verwaltungsebenen beitragen. In Brasilien (190 Mio. Einwohner) sind es drei:

(a) die Ebene der Bundersregierung, mit Sitz in Brasilia (2,5 Mio. Einwohner),

(b) die Ebene der Regionalregierungen mit Sitz in den Hauptstaedten der Bundesstaaten (27, in Acre, mit fast 700.000 Einwohnern ist das Rio Branco, fuer brasilianische Verhaeltnisse ueberschaubare 300.000 Einwohnern) und

(c) die Ebene der Gemeinden (in Acre 22 Munizipien, davon 5 zusammengeschlossen in CONDIAC, mit ueber 65.000 Einwohnern, im Mittel rund die Haelfte in kleinen Staedtzentren, die sich jeweils nahe der Grenze grosser laendlicher Flaechen zwischen 1.600 und 5.400 km² entwickelt haben).

Wie sollen Planungsinstrumente sein?
Grudsaetzlich erwarten wir, dass Planungsinstrumente komplexe Situationen vereinfachen helfen (als Modelle der Realwelt). Bei ihrem Einsatz sollen vor allem die Praxispertinenz und die Zeitnaehe gewahrt bleiben. Deshalb muessen wir akzeptieren, dass die Instrumente funktionelle Grenzen haben und nicht alle Fragen beantworten koennen.

Fuer die Phase der Erarbeitung wuenscht man sich, dass Planungsinstrumente zuverlaessig, wissensbasiert, realistisch, logisch, stimmig oder kohaerent, von strategischer Bedeutung und an der Nachhaltigkeit orientiert sind. Fuer die Phase der Anwendung braucht man Planungsinstrumente, die machbar, flexibel, gerecht und offen oder inklusiv sind.

Der Raumplanungsprozess sollte idealerweise integriert sein in ein Gefuege aus Institutionen der verschiedenen Sektoren und der verschiedenen Verwaltungsebenen (horizontale und vertikale Integration). Die brasilianische Bundesregierung fuehrte 2000 eine nationale Raumordnungspolitik ein. Einige Zeit danach setzte die acreanische Regionalebene die Oekologisch-Oekonomische Zonierung um (Zoneamento Ecologico-Economico, Phase I 2004 und Phase II 2007) ein. Die fünf Gemeinden von CONDIAC sind derzeit bei der Erstellung der lokalen Raumordnungsplaene (1 bis 2008, 2 bis 2010 und 2 bis voraussichtl. 2011).

Die sektorielle Integration wird mit weiteren Instrumenten umgesetzt, wie zum Beispiel durch das Regionalisierungsprogramm „Territorios da Cidadania“ der brasilianischen Bundesregierung (Buergernahe Raumplanung und Regionalpolitik). Auf der Staatsebene gibt es in Acre Sachverstaendigenraete, zum Beispiel fuer nachhaltige laendliche Entwicklung. Auf der kommunalen Ebene einen Regionalrat (Conselho de Desenvolvimento Territorial Sustentavel do Alto Acre e Capixaba CTAC) und verschiedene fachspezifische Kommunalraete.

Fuer das Programm „Territorios da Cidadania“ wurden im Jahr 2008 in ganz Brasilien 60 politisch zusammengehoerende Pilotregionen mit aehnlichen Entwicklungsschwierigkeiten ausgewaehlt. In diesem Jahr (2010) werden bereits 120 Regionen gefoerdert. In den Gemeinden von Alto Acre und Capixaba werden rund 100 Aktionen zur Staerkung der Produktion, der Gesundheit und Umwelthygiene, der Erziehung und Kultur, der Infrastruktur, der Raumplanung und der Regulierung des Grundbesitzverhaeltnisse in Koordination zwischen 15 Ministerien gefoerdert, entsprechend einer Jahresinvestition im Wert von etwa EUR 15 Mio. fuer 2008 und EUR 50 Mio. fuer 2010. Die neu entstandenen Wertschoepfungsketten (Gefluegel, Mais, Fruechte, Paranuss, Kautschuk) konsolidieren die lokalen Maerkte, tragen zum Beispiel zur Versorgung lokaler Schulen mit lokal hergestellten frischen Lebensmitteln bei und zeichnen sich ausserdem durch eine reduzierte Beeintraechtigung des Regenwaldes aus.

4. Was sind Raumeinheiten?
Zur Veranschaulichung der Notwendigkeit der klaren Definition des Raumbezuges, bevor wir zu planen beginnen, betrachten wir einige in Brasilien gebraeuchlichen Konzepte:

(a) Das Amazonasbecken (internationales Wassereinzugsgebiet des Rio Amazonas, rund 7 Mio. km²);

(b) das Biom Amazonasregenwald, charakterisiert durch seine reiche Artenvielfalt (rund 5 Mio. km², beide ueber 9 Laender Suedamerikas verteilt),

(c) die politische Region Nordbrasilien (mit den Bundesstaaten Acre, Amazonas, Rondonia, Roraima, Amapa, Para, Tocantins, rund 3,9 Mio. km²) und schliesslich

(d) der Rechtsraum „Brasilianisches Amazonien“ mit spezifischen Gesetzesregelungen (Amazonia Legal in den Bundesstaaten Acre, Amazonas, Rondonia, Roraima, Amapa, Para, Tocantins und zusaetzlich Mato Grosso, sowie ein Teil von Maranhão bis zum 44o Westlicher Laenge, rund 5,2 Mio. km²).

5. Betrachtungsausschnitt und Masstab
Der polnische Sprachforscher Alfred Korzybski verdeutlicht mit seiner Aussage “Die Landkarte ist nicht die Landschaft” die Tatsache, dass das Planunginstrument immer „nur“ ein Instrument bleibt, welches uns einen vereinfachten, verkleinerten Teilausschnitt zeigt und nicht mit der komplexen Realwelt zu verwechseln ist. Diese Tatsache ist wichtig, weil sie zentralistische Vorentscheidungen in Frage stellt und die Regionalisierung und Validierung der Lokalkenntnis in den Vordergrund rueckt.

Unser Lebensraum ist bekanntlich dynamisch, also staendigen (natuerlichen, von Menschen verursachten und kombinierten) Aenderungsprozessen unterzogen. Fuer die Anpassung an diese Anderungen bedarf es permanent flexibler und vorsorgender Orientierung.

Die Oekologisch-Oekonomische Zonierung des Bundesstaates Acre von rund 164.000 km² wurde in den Masstaeben 1:1.000.000 (Phase I, 2004) und 1:250.000 (Phase II, 2007) durchgefuehrt. Die lokale Raumordnung der Gemeindegebiete von CONDIAC mit 1.600 bis 5.400 km² Flaechengroesse wird im Masstab 1:100.000 angefertigt. Die Masterplaene (mit einem eher urbanen Blick) haben einen Masstab von 1:10.000. Stadtteilbebauungsplaene und Soziale Wohnungsbauplaene im Detail 1:5.000 sind ausserdem an Entsorgungsplaene fuer Abfall und Abwasser gekoppelt.

Auf der Staatsebene gibt es Gremien, wie den staatlichen Rat fuer nachhaltige laendliche Entwicklung (Conselho Estadual de Desenvolvimento Rural e Florestal Sustentavel CEDRFS) und auf der Kommunalebene den Regionalrat CTAC, beziehungsweise die kommunalen Fachraete (zum Beispiel Conselhos Municipais de Defesa do Meio Ambiente COMDEMAs).

6. Regeln der Landnutzung
Die Nutzungskategorien sind meist bereits vor dem In-Kraft-Treten des Raumordnungsplans definiert: als Flaechen, die fuer die nationale Sicherheit relevant sind, Naturschutzgebiete, Indigenenreservate, Siedlungsprojekte und Nutzunsgebiete, in denen es eine Mischung von nachhaltigen Nutzungsformen entsprechend besonderen Plaenen gibt.

Im Rahmen der Oekologisch-Oekonomischen Zonierung in Acre wurden Zonen mit konsolidierter landwirtschaftlicher Nutzung definiert, dazu zaehlen auch degradierte Flaechen, Stadtgebiete und Zonen fuer Urbanisierung (fuer deren Details der Masterplaene geeinet sind), fuer Naturschutz und nachhaltige Nutzung (tatsaechlich und potenziell) ausgewiesene Zonen und Zonen mit der Priorisierung der Raumordnung, deren Nutzungsbestimmung noch unklar ist. Dazu zaehlen auch Risikozonen.

7. Interessenskonflikte
Je dichter die Besiedlung des Raumes ist, umso haeufiger treten Konfliktsituationen auf und der Bedarf nach geeigneten Mechanismen fuer ihre Behandlung.

Eine moegliche Methode ist die Gegenueberstellung der Interessen im selben geographischen Raum in einer Matrix der Wichtigkeit (in Zeilen und Spalten). Die Interessenskonflikte werden mit den „Ampel“-Farben (Rot-Gelb-Gruen) oder mit Nummern nach Wichtigkeite markiert (3 = sehr wichtig, 2 = mittel wichtig, 1 = nicht wichtig). Die farbige Darstellung der Interessenskonflikte in ihrer raeumlichen Verteilung erleichtert den Weg zu Loesungen.

Das Prinzip des Verhandelns und Vermittelns, mit dem Ziel eines positiven Ausgangs fuer die Interessierten („win-win“) kann spielerisch in simmulierten Situationen geuebt werden: zum Beispiel Landnutzungskonflikt zwischen Kautschukzapfern – Viehzuechtern - Regierungsbeamten.

Ein abschreckendes Beispiel fuer zentralistisch gefaellte Entscheidungen, ohne Beruecksichtigung der Lokalinteressen, ist die Nichtanbindung von Assis Brasil an die Bundesstrasse BR 317 und an die 2006 von den Praesidenten Lula und Toledo eingeweihten Bruecke der Integration. Um ins Stadtzentrum von Assis Brasil am Dreilaendereck (Brasilien-Peru-Bolivien) mit einem Fahrzeug zu gelangen, muss man jedes mal das Zollamt passieren. Assis Brasil ist nur durch den Fluss Rio Acre vom peruanischen Iñapari getrennt. Doch die Buerger von Assis Brasil muessen jedes mal einen Umweg durch das Zollamt machen und irgendeine Wendemoeglichkeit suchen um ueber die Bruecke der Integration das benachbarte Iñapari besuchen zu koennen.

Lernerfahrung: Im Prozess der partizipativen Raumplanung sollte ein permanenter Mechanismus fuer den Umgang mit Interessenskonflikten verankert sein.

Schlussbetrachtung: Die Lernerfahrung mit Raumplanung zeigt, dass die an den Prozessen der Erarbeitung und Umsetzung beteiligten Buerger Kenntnisse ueber die eigene Region erwerben und miteinanderteilen. Diese Kenntnisse werden fuer die Gestaltung einer demokratischeren und nachhaltigeren Entwicklung genutzt. Die lokal erfolgreichen Lernerfahrungen in einer Gemeinde von CONDIAC werden auf andere acreanische Gemeinden innerhalb und ausserhalb der Region von Alto Acre und Capixaba uebertragen. Sie tragen mit der Zeit zur Bildung einer regionalen Identitaet, Verwurzelung in der eigenen Landschaft und letztlich zum nachhaltigeren Umgang mit dessen Naturressourcen bei.

Stärkung der Regionalplanung beim Kommunalverband CONDIAC

1 Hintergrund: Erste Schritte zur Regionalisierung
Die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Entwicklungsdienst DED und dem Kommunalverband CONDIAC (Consorcio de Desenvol-vimento Intermunicipal do Alto Acre e Capixaba) ist im fuenften Jahr angelangt. Der Kommunalverband CONDIAC unterstuetzt und ergaenzt verschiedene oeffentliche Dienstleistungen der fuenf Mitgliedsgemeinden Assis Brasil, Brasiléia, Epitaciolândia, Xapuri und Capixaba und hat so seine Position als wichtiger Partner in der Regionalentwicklung konsolidiert. Der Verband erarbeitet regionale Projekte fuer die Kommunen und fuehrt einige selbst aus. Er stellt den Kommunalverwaltungen und den Buergern regionale Informationen und Kartenmaterial zur Verfuegung und realisiert Veranstaltungen zu den Themen Regionalentwicklung, Umweltschutz und Kapazitaetenstaerkung.

Nach aussen ist CONDIAC als nachahmenswertes Regionalisierungsbeispiel anerkannt. In Zusammenarbeit mit dem Ministerium fuer landwirtschaftliche Entwicklung (Ministério do Desenvolvimento Agrario MDA) uebernimmt der Verband die regionale Koordination und Umsetzung des Programms zur Familienlandwirtschaft (Programa Nacional da Agricultura Familiar PRONAF) und des Programms fuer buergernahe Regionalentwicklung (Programa „Territorios da Cidadania“). In Abstimmung mit dem Umweltministerium (Ministério do Meio Ambiente MMA) koordinierte er die Erarbeitung der lokalen Agendas 21 und die Regelung der kommunalen Umweltgesetze. Seine Erfahrung gibt CONDIAC weiter in ähnlich strukturierten Prozessen in den Nachbarregionen Purus und Jurua im Bundesstaat Acre.

Mit der Ernennung eines neuen geschaeftsfuehrenden Direktors (Secretario Executivo) im Januar 2008, gestanden die Bürgermeister CONDIAC eine Anhebung der Beiträge, die den Umzug in ein geräumigeres Gebäude ermöglichte. Die Vertrauensbildung und die zuegige Abwicklung der technische Aufgaben wird in Brasilien haeufig durch die intensive Politisierung der oeffentlichen Institutionen behindert (Ueberfuellung mit Vertrauensposten). Es gelang CONDIAC dennoch, den Wechsel ohne groessere Beeintraechtigungen zu ueberstehen.

Im selben Jahr (2008) wurde auch das Programm „Territórios da Cidadania“ ins Leben gerufen. CONDIAC uebernahm fuer ein Jahr die Leitungsfunktion im Regionalrat (Conselho de Desenvolvimento Rural Sustentável do Território do Alto Acre e Capixaba CTAC) und im Folgejahr die stellvertretende Leitungsfunktion. Der Regionalrat ist ein Artikulierungsgremium, welches die strukturellen Beduerfnise und Investitionen in der Region nach demokratischen Prinzipien steuert.

2 Lernerfahrung: Planungsinstrumente fuer die Regionalentwicklung
Die Erarbeitung und Anwendung von Planungsinstrumenten in der Komunal-verwaltung kann Geld, Zeit und Aerger sparen. In Acre wurden gute Erfahrungen auf der Ebene der Staats-regierung und in einigen Gemeinden auf der lokalen Ebene gesammelt.

Die Masterplaene (in Brasilien: Planos Diretores) werden in fuenf Gemeinden unter technischer Koordination von CONDIAC erarbeitet. Fokus der Erarbeitung unter Mitwirkung von externen Beratern ist eine strukturelle und administrative Verbesserung der Stadtgebiete. Die Masterplaene sind mit anderen Instrumenten, wie Raumordnungsplan und Sozialwohnungsbauplan, integriert. Die Dokumente befinden sich derzeit im Genehmigungsverfahren in den Stadtkammern. Die Finanzierung der Beratungsleistungen erfolgte ueber das Amazonien-Programm der NRO CARE International (Programa Amazonico Trinacional PAT, Mittel fuer CONDIAC ca. BRL 700.000 oder ca. EUR 310.000 ). Die zustaendigen Arbeitsgruppen in den Kommunalverwaltungen waren meist ueberfordert, neben ihren Routineaufgaben, den partizipativen Aufbauprozess der Masterplaene zu fuehren. Die Informationsbasis, die Gesetzestexte und das Kartenmaterial muessen in praxisnaher Form und Sprache allen Segmenten der Gesellschaft nahe gebracht werden. Wichtig ist auch, den auf Wohnraum und Verkehr fixierten Blick der Buerger auch auf Themen wie Drainage, Abwasser, Abfall und Naturraeume zu oeffnen.

Die Erhebungen der kommunalen (in Brasilien gebraeuchlicher: lokalen) Raumordnungsplaene sind auf die laendlichen Gebiete der Gemeinden fokussiert. Die Planunterlagen der Gemeinden CONDIACs haben die Phasen „Diagnose“ und „Prognose“ fertiggestellt. Nunmehr stehen die soziale Paktierung und das Monitoring der Umsetzung aus. Die Finanzierung erfolgte ueber die Interamerikanische Entwicklungsbank (Banco Interamericano de Desarrollo BID, die Mittel fuer die acreanische Regionale Umweltbehörde (Secretaria do Estado do Meio Ambiente SEMA) in den fuenf Gemeinden belaufen sich auf ca. BRL 500.000 oder ca. EUR 225.000). Es ist kritisch anzumerken, dass die Kommunen nicht die Protagonistenrolle im Prozess uebernommen haben. SEMA koordinierte den Prozess mit technischer Kompetenz und sorgfaeltiger Beachtung, dass die Nutzungszonierung im Lokalmassstab kohaerent bleibt mit der oekologisch-oekonomischen Zonierung im Regionalmasstab (Zoneamento Ecologico-Economico ZEE). Daher empfanden die lokalen Akteure die Vorschlaege von SEMA gelegentlich als aufgedraengt. Die unzaehligen Rechtsvergehen und Behinderungen in der lokalen Wirtschaftsentwicklung ergeben sich, weil die Produktionsalternativen nicht (wirtschaftlich) ueberzeugend demonstriert werden. Die Informalitaet wird immer wieder als Zufluchtsmoeglichkeit von Abgabensaeumigen angesehen. Grundsteuecke wechseln oft die Eigentuemer, ohne dass je ein Katastereintrag stattfindet.

Die lokalen Agendas 21 wurden in den Gemeinden mit Unterstuetzung des World Wildlife Fund WWF in 2006 fertiggestellt (fuer die Erarbeitung in den fuenf Gemeinden standen ca. BRL 150.000 oder ca. EUR 70.000 zur Verfuegung). Der Fokus der Agenda 21 richtet sich auf die Mitwirkung der Zivilgesellschaft und auf Kriterien der nachhaltigen Entwicklung bei der Planung von Projekten und Aktivitaeten. Das fuer das Monitoring urspruenglich vorgesehene Forum hatte keinen Bestand (keine finanzielle Mittel). Es wird empfohlen, dass die kommunalen Umweltraete (Conselhos Municipais de Defesa do Meio Ambiente COMDEMAs) die Umsetzung der Agendas 21 monitoren. Die COMDEMAs sind gegenwaertig in den Regularisierungsprozess der Kommunalen Umweltgesetze eingebunden. Es wird in den Gremien eine Uebersaettigung mit unproduktiver Planung beobachtet. Sie wollen nur taetig werden, wenn eine pertinente Tagesordnung vorhanden ist. Dies koennte fuer das Monitoring der Agendas 21 ausgenutzt werden, nachdem sich die Bildung eines zivilgesellschaftlichen Forums nicht realisieren konnte.

Fazit: Die Mitwirkung der Bevoelkerung bei der Raumplanung sollte besser organisiert werden, damit lokales Wissen besser genutzt und lokaler Bedarf wirksamer gedeckt wird.

Neben den drei genannten, umfassenden und finanzierten Instrumenten wurden weitere, fachspezifische Instrumente erarbeitet, wie zum Beispiel die kommunalen Berichte mit Datenerhebung ueber Wasser fuer den staatlichen Plan zum Wassermanagement. In Acre werden die Wasserversorgung und Entsorgung vom staatliche Unternehmen DEAS (Departamento de Água e Saneamento) uebernommen. Eine wasserwirtschaftliche Institutionalisierung oder Wasserrecht im Sinne des vorsorgenden Wasserschutzes gibt es nicht. Die Kommunen haben nicht genug Kompetenz, um sich eigenstaendig um die lokale Wasserbewirtschaftung zu kuemmern. Alljaehrlich erarbeiten die Gemeinden Kommunale Brandvorsorgeplaene fuer den staatlichen und kommunalen Zivilschutz (CEDEC und kommunale COMDEC, mit Unterstuetzung von CONDIAC) und werden bei Bedarf mit Information zur Wetterprognose und Risikoeinschaetzung versorgt (Brandgefahr, Ueberflutung).

Die Umsetzung und Anwendung der Planungsinstrumente findet bereits in der Praxis statt, im Rahmen der Erschliessung von Neubaugebieten, in der Gesundheitsverwaltung und bei der Organisation der lokalen Wirtschaftsentwicklung.

Die regionale Datenbank bei CONDIAC ist immer noch im Aufbau begriffen. Sie wird gespeist durch die Datenerhebung (GPS) der Techniker aus den Gemeinden, aus anderen Institutionen oder durch Praktikanten der Universitaet (Universidade do Norte do Parana UNOPAR, Niederlassung Brasileia, Studiengang Umwelttechnik). Die Uebergabe findet persoenlich ueber Datenkabel zwischen GPS und PC oder, wegen der Entfernungen, auch per E-Mail im EXCEL-Format statt. Fuer die Strukturierung und Pflege der Datenbank und fuer die Herstellung von Karten ist CONDIAC zustaendig.

3 Lokale Kapazitaet staerken
Das Fortbildungsprogramm wird moeglichst dem lokalen und regionalen Bedarf angepasst (Identifizierung durch Erhebungen). Bei der Erarbeitung von Produkten (Plaenen, Berichten) wird auf die Beteiligung der lokalen Akteure geachtet (zum Beispiel bei der Erarbeitung der Plaene zur Brandvorsorge).

Fuer die Anwendung der Raumplanungsinstrumente waren Fortbildungsmassnahmen im Umgang mit GPS (Global Positioning System) und GIS (Geographische Informationssysteme) erforderlich. Die Techniker von CONDIAC sind bemueht, Kollegen aus den Kommunalverwaltungen und anderen Institutionen einzubeziehen und fuehren gelegentlich selbst Trainingskurse durch (zum Beispiel fuer Techniker der Gesundheitsdienste, Agentes Comunitários de Saúde ACS). Einige Fortbildungen werden durchgefuehrt, um besonders die Inklusion der laendlichen Bevoelkerung in die lokale Wirtschaftsentwicklung zu foerdern (zum Beispiel in Fischzuchttechnik, Kunsthandwerk mit pflanzlichen Produkten, unter besonderer Foerderung der Frauen).

Mit dem Team der Amtsleiter der Kommunalverwaltung von Epitaciolandia hat CONDIAC in einer Art Amthilfe Workshops zur Standortbestimmung und zur strategischen Planung 2010 – 2012 durchgefuehrt, die zur Ausarbeitung eines 46 Seiten umfassenden Dokuments gefuehrt haben.

4 Aufbau einer regionalen Projektbank
CONDIAC erarbeitet Projekte des Programms zur Familienlandwirtschaft (Programa Nacional da Agricultura Familiar PRONAF) und unterstuetzt die Kommunen bei der Durchfuehrung. Das Team des Verbands realisiert auch Fortbildung in der Benutzung des brasilianischen Projektkooperationssystem (Sistema Nacional de Convenios SICONV). In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt fuer Landreform (Instituto Nacional da Reforma Agraria INCRA) unterstuetzt CONDIAC die Anlage von sog. Bildungs- und Aufforstungszentren in seinen Gemeinden, wo besonders junge Leute Wissensquellen, Internetanschluss und Experiementierfelder finden um ihre Lebensqualitaet auf dem Land zu verbessern. Die dafuer freigestellten Flaechen dienen auch auch Tests mit Nutzpflanzen und als Baumschule fuer Aufforstung auf degradierten Flaechen. CONDIAC erarbeitete auch Projekte zur Abfallwirtschaft, zum nachhaltigen Management von Wassereinzugsgebieten (Igarapes Encrenca und Judia, gefoerdert durch die Stiftung der HSBC-Bank, Instituto HSBC Solidariedade) und zur Uferbepflanzung in gesetzlich ausgewiesenen Schutzzonen (Zusammenarbeit mit SEMA und Universidade Federal do Acre UFAC).


5 Integration ueberwindet Grenzen
Seit 1999 gibt es in der Grenzregion der drei Peru (Madre de Dios) – Brasilien (Acre) –Bolivien (Pando) die sogennannte MAP-Initiative. Sie entstand unter Mitwirkung von Universitäten und Nicht-Regierungsorganisationen. Mit den Jahren beteiligten sich zunehmend auch staatliche Organe, mit der Zielsetzung, die abgelegene Region durch grenzübergreifende Integration zu unterstützen. Die Teilnahme an internationalen Veranstaltungen, gemeinsam mit Vertretern der Nachbarlaender Bolivien und Peru, zum Beispiel am Seminaren ueber Integration und Wasserwirtschaft in Cobija (Bolivien, Juli 2010) und ueber Raumordnung in Puerto Maldonado (Peru, August 2010, CONDIAC hat 3 Vortraege ueber Integrationspolitik, lokale Raumordnung und Integration von Raumplanungsinstrumenten vorgestellt), staerkt die regionalen Beziehungen der drei Laender und auch das Ansehen CONDIACs ueber die Landesgrenze hinaus, wenn man bedenkt, dass die kommunalen Verbaende in den Nachbarregionen nicht funktionieren. Bemerkenswert ist auch, dass die Folge der Seminare zur Raumordnung mit der Unterstuetzung von InWEnt in den Jahren 2006, 2007 und 2008 begonnen wurde und in den Jahren danach von der Regionalregierung von Madre de Dios (Gobierno Regional de Madre de Dios GOREMAD, Peru) eigenstaendig mit Teilnahme von Vertretern der Nachbarlaender Brasilien und Bolivien weitergefuehrt wird. CONDIAC ist ausserdem Mitglied der Arbeitsgruppe „Management des Einzugsgebietes des Rio Acre“ (brasilianische Teil).

6 DED-Brasilien: Reflexion und Neupositionierung
Im Juni 2010 veranstaltete der DED in Belém ein Treffen der Fachgruppe Demokratiefoerderung. Das aktualisierte DED-Programm Brasilien, sowie wichtige Themen und Methoden wurden vorgestellt und in Gruppen diskutiert (Gender, Kommunikation, Netzwerke, DOP). Positiv war die aktive Teilnahme der Vertreter und EFK der Parterorganisationen (einschliesslich CONDIAC).

Mit Unterstuetzung der Koordinatorin gelingt es besser, die Entwicklungmassnahme bei CONDIAC zu monitoren. Mit ihr gemeinsam wurden auch neue Entwicklungsmassnahmen im suedwestlichen Teil Amazoniens geprueft. Teilgenommen an den Pruefungen haben neben den neuen Partnern, CONDIAC (fuer Unterstuetzung der Organisation der Zivilgesellschaft in und um die RESEX Chico Mendes), WWF und die neue Partnerorganisation IDAM auch die lokalen Akteuren in Boca do Acre (Bundesstaat Amazonas) und Alto Acre.

7 Zusaetzliche Unterstuetzung ist immer willkommen
Der DED finanzierte zur Staerkung von CONDIAC die Anschaffung von einem GPS-Geraet, einem Wasseranalyse-Kit, die Durchfuehrung von drei Workshops zu Planung, Kommunikation, die Gestaltung und Herausgabe von zwei Institutionsfoldern und drei thematischen Bannern (Institution, Umwelterziehung, Raumordnung).

Die GTZ hat neben der Anschaffung eines Druckplotters immer wieder bei der Organisation von Fortbildungsmassnahmen und Seminaren geholfen. CARE International stattete CONDIAC mit einigen elektronischen Buerogeraeten, unter anderem PC, aus, um der Koordinationsaufgabe bei der Erarbeitung der Masterplaene (Planos Diretores) gerecht zu werden

7. Januar 2011

Raumordnung ist Grundlage der nachhaltigen Entwicklung

22. April 2009 - Foerderung der Kommunalverwaltung - Entwicklungsplanung - Konsequente Anwendung der Reumordnungspolitik verbessert die Lebensqualitaet - Partizipative Raumplanung

Hintergrund: Der Deutsche Entwicklungsdienst DED unterstuetzt in Brasilien die Partnerorganisation CONDIAC (Consorcio de Desenvolvimento Intermunicipal do Alto Acre e Capixaba), einen aus fuenf Gemeinden zusammengesezten Kommunalverband, in verschiedenen Aspekten der Regionalplanung und –entwicklung. Im Vordergrund stehen die partizipative Erarbeitung und Umsetzung von Planungsinstrumenten auf verschiedenen Ebenen: 1. Die Lokale Agenda 21 dient der Verbesserung der Qualitaet und Nachhaltigkeit von Aktivitaeten und Projekten. 2. Die Lokale Raumordnung setzt das Wissen der Bevoelkerung in wert fuer eine effizientere Nutzung der Naturressourcen, im Sinne einer nachhaltigen lokalen Wirtschaftsentwicklung und im Sinne der Risikovorsorge. 3. Die Masterplaene ordnen die Raumnutzung urbaner Gebiete, regulieren das sichere Zusammenleben der Bevoelkerung und foerdern die nachhaltige Stadtentwicklung.

Lernerfahrung: Entscheidend fuer die erfolgreiche nachhaltige Raumplanung ist die Partizipation der lokalen Bevoelkerung in allen Prozessen. Die Partizipation kostet zwar Zeit und Geld. Sie sichert aber die Wuerdigung des traditionellen Wissens, der kulturellen Gewohnheiten und den Gebrauch wichtiger Mitspracherechte der Bevoelkerung im Rahmen der Planung.

Am Anfang der partizipativen Raumplanung sollten strategische Ueberlegungen, wie Wasser- und Energieversorgung, Draenagesysteme, Bodenproduktivitaet und -stabilitaet, Klimaschutz, Entsorgung von Abwasser und Abfall stehen. Die richtige Plazierung kann auf Dauer Geld sparen. Verkehrs- und Kommunikationsverbindung, Infrastruktur, Dienstleistungen, Wohn- und Produktionsflaechen sollten zugunsten der Sicherheit auf die natuerliche Standorteignung angepasst werden.

Fuer die Standortbeurteilung ist Fachwissen erforderlich, dessen Kosten sich die lokalen Entscheidungstraeger nicht sparen sollten, um nicht in Einzelfaellen nachtraeglich teuer bezahlen zu muessen. Schliesslich sollte die Planung langfristig und flexibel sein, um auf soziale und oekonomische Veraenderungen reagieren zu koennen.

17. Januar 2009

Wir oder der Regenwald?

Ist die Vernichtung des Regenwaldes der Preis fuer modernes Leben und Wohlstand in Amazonien? Das Entwicklungsmodell von Gemeinden im Bundesstaat Acre, Brasilien, testet die Moeglichkeit der Koexistenz zufriedener Menschen mit intaktem Regenwald.

Abb. 1: Kartenbild der Amazonasregion (internationale Landesgrenzen gelb, Regionalgrenzen grün)

Teil 1 Verwandlung der Regenwaldlandschaft

Wie das Klima die Menschen und die Menschen das Klima beeinflussen: Migrationen –Konflikte – Zentralismus
Anhaltende Trockenheit trieb um 1880 Menschen aus Nordostbrasilien in den tropischen Regenwald im suedwestlichen Amazonien, flussaufwaerts durch das Labyrinth des Rio Amazonas, Rio Purus und Rio Acre. Dort gab es genug Wasser und vor allem Baumarten mit Kautschuk guter Qualitaet, damals gefragt von der aufstrebenden Automobilindustrie in Europa und Nordamerika. Unterwegs trafen sie auf Ureinwohner, die den Kautschuk dort bereits seit mehreren Tausend Jahren als Klebemittel zu nutzen wussten. Ausser mit interkultureller Kommunikation und Krankheiten, wie der importierten Grippe und der tropischen Malaria, mussten sich die Menschen im Regenwald auch mit Territorialkonflikten auseinandersetzen. Die blutige Acreanischen Revolution im strittigen Grenzgebiet zu Bolivien wurde 1903 mit der Vereinbarung von Petropolis beendet, nach der Brasilien das kautschukreiche Territorium Acre (rund 160.000 km², entsprechend etwas weniger als die Haelfte Deutschlands) fuer zwei Millionen Pfund Sterling kaufen und mitten im Regenwald eine Eisenbahnlinie zwischen den Fluessen Rio Madeira in Porto Velho (Bundesstaat Rondonia) und Rio Mamore in Bolivien bauen wuerde.
Nach weiteren Duerreperioden in Brasiliens Nordosten machten sich in den zwanziger Jahren erneut Menschen auf den Weg in den Regenwald und in das Kautschukgeschaeft. Diesmal befand sich unter ihnen auch die Familie Mendes aus dem Bundesstaat Ceara. Nach monatelanger Reise liess sich die Familie nieder in der Naehe von Xapuri am Rio Acre, einem kleinstaedtischen Umschlagplatz fuer Kautschuk und einige lebensnotwendigen Gueter (nahe der bolivianischen Grenze, etwa 180 km suedwestlich der acreanischen Regionalhauptstadt Rio Branco).
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges versiegte die Nachfrage nach Kautschuk und damit die Einkommensquelle der Zapferfamilien. Der 1944 geborene Sohn Francisco musste deshalb erst im Familienhaushalt mithelfen und lernte erst mit achtzehn Jahren lesen und schreiben.
Die Marschrichtung der Militaers im neuen Machtzentrum Brasilia (seit 1960 Landeshauptstadt) ermutigte in den Jahren 1964 bis 1985 Landlose und arme Bauern aus dem gemaessigten Klimaguertel in Suedbrasilien zu einer neuen Migrationsbewegung in das immer noch kaum erschlossene tropische Amazonien. Die ahnungslosen Siedler erhielten kostenlos Land gegen Einschlag und Brandrodung. Worueber damals noch kaum diskutiert wurde, dass die Zerstoerung des Regenwaldes durch Brandrodung in doppelter Weise zum Klimawandel beitraegt. Die Verbrennung der organischen Substanz (Biomasse) veraendert das Gleichgewicht des Kohlenstoffkreislaufs und verursacht mehr Ausstoss von Kohlendioxid in die Atmosphaere, waehrend gleichzeitig die Assimilationskapazitaet durch Photosynthese der Pflanzen verringert wird.
Die planlose Transformation des Regenwaldes in Weide- und Ackerland war vorprogrammiert. Der Widerstand der Kautschukzapfer gegen die maechtigen Rinderzuechter begann ab 1970 zu eskalieren. Der inzwischen zum Lehrer und Kommunalpolitiker avancierte Francisco stellte sich an die Spitze der Widerstandsbewegung, als Beschuetzer des Regenwaldes und der Familien, die noch immer vom Kautschuk lebten, und mobilisierte Politiker, Medien und Zivilgesellschaft gegen die fortschreitende Abholzung. Seine Zivilcourage machte ihn in der ganzen Welt als Chico Mendes bekannt. Derweil lauerte auf ihn zuhause in Xapuri die toedliche Vergeltung. Nachdem er die gerichtliche Enteignung des Waldgrundstueckes Cachoeira erreicht hatte, erschossen ihn Angehoerige der Kaeufer- und Rinderzuechterfamilie 1988 in der eigenen Haustuer.

Tabelle 1: Vergleich der Entwaldungsrate 2007 in verschiedenen Staaten Amazoniens

* IBGE geschaetzt, ** INPE

Teil 2 Wirkung der lokalen Korrekturen
Wie sich Menschen an Naturgegebenheiten und Klima anpassen: Akzeptiertes Entwicklungsmodell – Umweltbewusstsein – Regeln
Die neuere Entwicklung Acres (westlichster Bundesstaat Brasiliens an der Grenze zu Peru und Bolivien, Abb. 1) ist von der Umsetzung friedlicher Loesungen bestimmt. Mit der Einrichtung des rund 9.700 km² grossen Naturreservats “Reserva Extrativista Chico Mendes“ 1990, setzte die Regierung des jungen Bundesstaats (Gruendung 1962), im Einvernehmen mit dem Umweltministerium, politische Signale. Das Reservat, aus dem Kautschuk, Paranuesse und Holz in nachhaltiger Weise gewonnen und kommerzialisiert werden, funktioniert als Schutzschild gegen illegale Abholzung.
Der Regenwald ist entlang neugebauter Strassen besonders gefaehrdet, wie die Erfahrungen in den frueher besiedelten Bundesstaaten der Region, Para, Mato Grosso und Rondonia zeigen. Einerseits werden vom Ausbau der beiden Bundesstrassen in Acre, BR 317 (“Interoceanica“) und BR 364 (“Transacreana“), neue Entwicklungsimpulse, Anbindung der brasilianischen Agrarindustriezentren an die peruanischen Haefen, Mobilitaet fuer Menschen und Produkte und Arbeitsplaetze erwartet. Andererseits entzieht er aber vor allem junge Arbeitskraefte aus der Landwirtschaft und oeffnet unerwuenschten Risiken und Nebenwirkungen der hastigen Entwicklung, wie Bodenspekulation, Regenwaldzerstoerung, Drogenhandel, Prostitution und Gewalt, die Tueren.
Seit 1998 setzt der Bundesstaat Acre ein Entwicklungsmodell um mit dem Kunstnamen “Florestania“, zusammengesetzt aus “Floresta“ (Regenwald) und “Cidadania“ (Buergerschaft). So wie “Buerger“ an “Burg“, erinnert “Cidadania“ an “Cidade“ (Stadt). Die Acreaner sehen ihre Entwicklung umfassend: Unter “Florestania“ verstehen sie die Koexistenz zufriedener Buerger und gesunder Staedte mit intaktem Regenwald. Ihr Modell baut auf der Abhaengigkeit der Menschen vom Oekosystem und foerdert dessen behutsame Nutzung mit extraktiven Wirtschaftstaetigkeiten, Aufbau von Kompetenz und Wertschoepfungsketten. So kann der Regenwald in Wert gesetzt und seine Zerstoerung gemindert werden (vgl. Entwaldungsrate 2007, Tab. 1).
Im Jahr 2005 erlebte Amazonien etwas, das als Klima-Schock bezeichnet werden kann. Die trockene Jahreszeit setzte frueher ein als sonst und die Niederschlaege fielen ueber sechs Monate aus. Die extreme Trockenheit liess einerseits das Niveau der Fluesse auf ein Rekordminimum fallen. Die Trinkwasserversorgung, der Fischfang und die Wasserwege brachen zusammen. Die trockene Biomasse des Regenwaldes verwandelte sich unter diesen Bedingungen zum Zuendstoff. Da die Landbearbeitung mittels Brandrodung gerade in der trockenen Jahreszeit weitverbreitetet ist, war die Katastrophe unausweichlich. Beguenstigt durch trockene Winde aus dem Sueden des suedamerikanischen Kontinents, gerieten die Feuer im staerker besiedelten Ostteil Acres schnell ausser Kontrolle. Die Regenwaldzerstoerung erreichte in Acre ihr Maximum im Jahr 2005 (vgl. Abb. 2 Prozentangaben bezogen auf 2002 entspr. 100 %) und nimmt seither ohne wirtschaftliche Einbussen ab.
Im August und September 2005 versank die Region um die Hauptstadt Rio Branco in stickigen Rauchschwaden und der Ausnahmezustand wurde offiziell ausgesprochen: Die lokalen Flughaefen wurden geschlossen, die Gesundheitsdienste hatten wegen Atem- und Augenbeschwerden der Bevoelkerung Hochbetrieb und Trinkwasser musste in Zistermenfahrzeugen taeglich aus mehr als 60 km Entfernung herantransportiert werden. Allein die wirtschaftlichen Verluste von mehr als EUR 100 Millionen sind fuer die acreanische Bevoelkerung bis heute eine bittere Lehre.
Zu Beginn der Trockenzeit im Mai 2008 verhaengte die regionale Justizbehoerde, mit Rueckhalt der Regierung, fuer die Dauer von 75 Tagen ein Feuerverbot in der Landwirtschaft. Die Vorsorgemassnahme bestand aus strafrechtichen und erzieherischen Komponenten und entfachte erwartungsgemaess eine heftige Diskussion zwischen Landwirten und Behoerden. Wer das Verbot verletzte und die faellige Strafe nicht bezahlen konnte, musste an Umwelterziehungs- und Wiederaufforstungsmassnahmen teilnehmen.


Abb. 2 Graphische Gegenueberstellung der Entwaldungsrate (rot) und einiger Produktionsparameter in Acre (Variation in % bezogen auf 2002)


Teil 3 Anpassung an den Klimawandel
Wie Menschen mit Menschen bei der Anpassung zusammenarbeiten:
Regionalisierung – Raumordnung – Risikovorsorge – Schutz des Regenwaldes – Wertschoepfungsketten

Nach den Berichten des IPCC werden extreme Witterungsereignisse in Zukunft an Haeufigkeit und Intensitaet zunehmen. Angesichts der klassischen Alternativen “Leiden – Widerstand leisten – sich anpassen“ ist am besten beraten, wer sich zuegig auf die veraenderten Lebensbedingungen anpasst. Die internationale Kooperation kann zur besseren und gerechteren Anpassungsfaehigkeit beitragen, zum Beispiel durch Unterstuetzung der Partizipation und des Zugangs zum nutzbaren Wissen.
Brasilien verfuegt heute ueber politische und juristische Instrumente, moderne Technologie und praktische Erfahrungen im Bereich Naturschutz und nachhaltiger Ressourcennutzung. Raumordnung und Bewirtschaftungsplaene werden auf regionaler und lokaler Ebene im Einklang mit der nationalen Politik umgesetzt. In Acre sind 48% der Flaeche als Naturparks, Indigenengebiete und Reservate fuer extraktive Bewirtschaftung ausgewiesen. Unternehmen wie “Naturais da Amazonia“ und Forschunginstitutionen wie das brasilianische Raumforschungsinstitut INPE produzieren Daten und Information sowohl ueber die Entwicklungspotentiale als auch ueber das Zerstoerungsausmass der Region. Auf dieser Wissensbasis werden heute bereits lokale Akteure trainiert, die Umwelt sinnvoller zu nutzen und sich an Aenderungen anzupassen. Die Partizipation mag muehsam und teuer sein, sie sichert jedenfalls Anwendung und Umsetzung der Planungs- und Entwicklungsinstrumente und Prozesse.
Die brasilianische Flagge enthaelt die Worte “Ordnung“ und “Fortschritt“. Wenn historisch mehr politisches Gewicht auf Fortschritt liegen mochte, werden heute zunehmend die natuerlichen Ordnungsprinzipien der Naturraeume und der Nachhaltigkeit geschaetzt.
Seit den neunziger Jahren wendet die brasilianische Regierung, mit deutscher Unterstuetzung, regionale Entwicklungsmodelle an im brasilianischen Teil Amazoniens von rund 4 Millionen km² Flaechengroesse, die der Zerstoerung des Regenwaldes entgegenwirken. Die tropischen Regenwaelder beherbergen eine noch wenig erforschte Biodiversitaet, regulieren den regionalen Wasserkreislauf und tragen zur Bindung des globalen Kohlenstoffdioxidausstosses durch Photosynthese bei. Die Entwicklungsmodelle bauen auf einer Raum- und Landesplanung, in die die Entscheidungen und Investitionen oeffentlicher Fachorgane, ganz wesentlich aber auch Akteure der Zivilgesellschaft integriert sind.
Der Bundesstaat Acre setzt die brasilianische Raumordnungspolitik mit Unterstuetzung deutscher Partner systematisch um. Die deutsche Schule der Raumordnung ist seit den sechziger Jahren hauserprobt und im 21. Jahrhundert in mehreren Laendern als Exportartikel gefragt. In Amazonien unterstuetzt die deutsche Kooperation im Rahmen der Raumordnung, vor allem die Nachhaltigkeit der Nutzung der Naturressourcen und die Risikovorsorge im Hinblick auf Klimaveraenderungen.
Auf der regionalen Ebene wird in Acre die oekologisch-oekonomische Zonierung (ZEE) im Masstab 1:250.000 mit Unterstuetzung von KfW und GTZ umgesetzt, ein Planungs- und Handllungsinstrument das vier Klassen von Interessenzonen definiert: Zonen fuer Konsolidierung laendlicher Entwicklung und nachhaltiger Produktionssysteme, Naturschutzzonen, Zonen mit Priorisierung der Raumordnung und urbane Zonen.
Auf lokaler Ebene wird mit Unterstuetzung des DED die partizipative Raumordnung in Kommunen (OTL) an der Grenze zu Bolivien und Peru durchgefuehrt. Der Masstab 1:100.000 erlaubt eine feinere Unterteilung in Subzonen. Die Beteiligung der Bevoelkerung am Prozess vertieft die lokalen Kenntnisse, staerkt die Wertschaetzung der lokalen Naturressourcen und die Verwurzelung, die in einer Region mit junger Besiedlungsgeschichte noch schwach und konfliktanfaellig ist. Ausserdem werden auf der Basis der regionalen Kenntnis die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen und Investitionen treffsicherer.
Da die Brandrodung gewohnte Praxis der Landwirte in der Region ist, kann der Umstieg auf alternative Landbearbeitung noch Jahre dauern. Viele Braende geraten durch unvorsichtigen Feuereinsatz und Nichtbeachtung der Wetterprognose ausser Kontrolle. Daher werden unter Beteiligung der Feuerwehr, des Zivilschutzes, oeffentlicher Institutionen und Vertreter der Zivilgesellschaft Trainingsmassnahmen, Simulationen von Brandunfaellen und Brandvorsorgemassnahmen durchgefuehrt. Die lokalen Akteure arbeiten jaehrlich Plaene zur Brandvorsorge und Brandbekaempfung aus. Die Landbevoelkerung erhaelt Brandbekaempfungs-Kits und Information zur kontrolliertem Einsatz des Feuers.
Im Jahr 2008 rief die brasilianische Regierung das Aktionsprogramm “Territórios da Cidadania“ ins Leben (frei uebersetzt: Buergernahe Regionalentwicklung). Dabei geht es um staerkere Buendelung der Investitionen von 14 Fachministerien in 60 landesweit ausgewaehlten Regionen. Die Region der im Verband CONDIAC (Consorcio de Desenvolvimento Intermunicipal do Alto Acre e Capixaba, DED-Partner) zusammengeschlossenen Gemeinden ist mit mehr als 50 interministeriell abgestimmten Aktionen im Investitionswert von EUR 10 Millionen dabei. Unter der Koordination des Landwirtschaftsministeriums werden zum Beispiel Wertschoepfungsketten wie Fruchtanbau-Konzentratherstellung und Maisanbau-Gefluegelhaltung unterstuetzt. Die groesste Herausforderung dabei sind Motivation und Organisationstalent der Kleinbauern. Interessant wird kuenftig auch die Holzverarbeitung sein, die bislang kaum entwickelt und fuer die Inwertsetzung des Regenwaldes und dessen nachhaltige Nutzung bedeutsam ist. Der Handel mit Umweltdienstleistungen durch Regenwalderhaltung, im Zusammenhang mit den globalen Emissionen, bedarf noch umfangreicher Klaerung der Rahmenbedingungen.
Die deutsch-brasilianischen Entwicklungszusammenarbeit besteht schon seit 1963. Nach dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 hat das BMZ allein in Amazonien rund EUR 300 Millionen fuer den Regenwaldschutz zur Verfuegung gestellt. Wichtiger Beitrag des internationalen Pilotprogramms fuer den Schutz der brasilianischen Regenwaelder PPG-7 war die Ausweisung und das Management von Schutzgebieten. In Acre hat die regionale Regierung mit Unterstuetzung der GTZ und intensiver Einbeziehung der Bevoelkerung und der relevanten Akteure das Projekt “Integrales Umweltmanagement“ (PGAI) durchgefuehrt. Seit 2002 werden die gemeinsamen Anstrengungen unter Beteiligung von KfW und GTZ im Rahmen des Folgeprogramms “Schutzgebiete in Amazonien“ (ARPA) fortgesetzt .
Die Erfahrungen in Acre koennen als Beispiel fuer die Verwirklichung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit aus einem Guss gezeigt werden. Die GTZ unterstuetzt hier Fachabteilungen der Regionalregierung in der fuer Amazonien beispielhaften Umsetzung der Raumordnung, der nachhaltigen Ressourcennutzung und des Naturschutzes, besonders intensiv in den Gemeinden des Verbandes CONDIAC. In der Entwicklungsmassnahme des DED bei CONDIAC arbeiten eine deutsche und eine brasilianische Fachkraft (EH und EFK) in der Regionalplanung und –entwicklung der fuenf Mitgliedsgemeinden. Das kombinierte Kooperationsinstrument des DED bewaehrt sich wegen der verbesserten interkulturellen Kommunikation und der institutionellen Nachhaltigkeit. Der gestaerkte Kommunalverband CONDIAC ist heute in der Lage, eine koordinierende Rolle zwischen der kommunalen und regionalen Verwaltungsebene fuer die Themenbereiche Planung, Raumordnung, Wertschoepfungsketten und Umwelt zu uebernehmen.

Abkuerzungen
ARPA Área de Proteção da Amazônia, Schutzgebiet
BMZ Bundesministerium fuer Wirtschaftliche Zusammenarbeit
CONDIAC Consorcio de Desenvolvimento Intermunicipal do Alto Acre e Capixaba, Kommunalverband
DED Deutscher Entwicklungsdienst
EH Entwicklungshelfer
EFK Einheimische Fachkraft
EUR Euro Europaeische Waehrungseinheit
GTZ Gesellschaft fuer Technische Zusammenarbeit
IBGE Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística, Bundesamt fuer Statistik
INPE Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais, Raumforschungsinstitut
IPCC International Panel for Climate Change, Internationale Forschungsgruppe Klimawandel
KfW Kreditanstalt fuer Wiederaufbau
OTL Ordenamento Territorial Local, Kommunale Raumordnung
PGAI Projeto de Gestão Ambiental Integrada, Projekt Integrales Umweltmanagement
PPG-7 Programa Piloto dos Paises Integrantes do Grupo G-7, Pilotprogramm der G-7 Staaten
ZEE Zoneamento Ecológico-Econômico, Oekologisch-Oekonomische Zonierung